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Full text of "Erinnerungen an Robert Schumann"

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NEUE ZEITSCHRIFTFUR MUSIK 

Heft 7I8 I 117. Jahrgang Hauptschriftleiter: Dr. Karl H. Worner Juli/August 1956 

Schriftleiter fiir Miinchen: Prof. Dr. Erich Valentin 



INHALT DES 5IEBENTEN/ACHTEN HEFTES 
Robert Schumann zum 100. Todestag am 29, ]uli 

Romantische Musik heute — Schumann undwir — Schumann=Veiern 1956 387 

Erich Valentin 

Der „andere" Schumann 389 

Emil Flechsig 

Erinnerungen an Robert Schumann 392 

Fritz T. Cauomon 

Unbekannte Brief e Robert und Clara Schumanns 396 

Othmar Fries 

Musik — Spiegel der romantischen Seele 401 

Gerald Abraham 

Schumanns Werke II und III 404 

Bruno Vondenhoff 

Die beiden Fassungen der d=moll=Symphonie 407 

Henk Stam Schumanns Ruckschau auf Bach 411 

Hans de Leeuwe 

Zur Deutung der „Kinderszenen" 413 

Eugen Leipold 

Vom Melodieklang in der Klaviermusik Robert Schumanns .... 415 

Wolfgang Boetticher 

„Gesange der Fruhe". Schumanns letztes Klavierwerk 418 

Inge Forger 

Schopferische Musikkritik 421 

Oliver Wray Neighbour 

Schumanns dritte Violinsonate 423 

Georg Eismann 

Das Robert=Schumann=Museum zu Zwickau 425 



Das vorliegende Heft erscheint als Doppelnummer fiir die Monate Juli/August. 
Die nachste Ausgabe unserer Zeitschrift erhalten Sie als Nummergim September 



Emil Flechsig (1808-1878) 

Erinnerungen an Robert Schumann 

Aus dem Manuskript erstmalig vollstandig veroffentlicht von seiner Urenkelin Hilde Wendler 



Einer meiner Bekannten von der Schule war auch 
Robert Schumann; gleich nach meiner 0bersied= 
lung hierher *) 1822 wurden wir zusammengef iihrt 
als Mitschiiler in der Tertia und als Nachbarn in 
der Burggasse. Sein Vater August Schumann war 
hier Buchhandler, hatte friiher mit seinem Bruder 
Friedrich eine kleine Handlung in Gera gegriindet; 
Firma Gebriider Schumann siedelte 1808 hierher 
iiber, wohnte anfangs in Tittels Haus, woselbst 
Robert Schumann am 8. Juni 1810 geboren wurde 
(deshalb das Medaillon daran). Vater Schumann 
war ein intelligenter, betriebsamer Mann, schrieb 
seine Verlagsartikel grofienteils selbst (eine Zeit= 
schrift „Erinnerungsblatter", ein grofies Lexikon 
von Sachse XIV Bande; iibersetzte auch Lord 
Byron) ; ich habe ihn nie anders als arbeitend ge= 
sehen. Nach 1817 ward er sehr wohlhabend durch 
Walter Scotts Romane, welche er in schnellen £lber= 
setzungen in Millionen Exemplaren iiber die Welt 
verbreitete; doch iibertrieb er seine Spekulationen, 
als er anfing, die Klassiker der ganzen Welt zu 
drucken. Zwei altere Bruder Robert Schumanns 
ubernahmen spater die hiesige Handlung und ein 
dritter eine Buchdruckerei in Schneeberg. Seine 
Mutter (exgente Schnabel) lockte mich bald ins 
Haus und hatschelte mich, da sie mich fur einen 
passenden Kumpan fur ihren Goldjungen hielt,und 
ich bin Hausbekannter daselbst geblieben bis zum 
Absterben der Alten. Den Knaben Robert fand ich 
in seinem 13. Jahr bereits als einen fertigen Kla= 
vierspieler vor, welcher sich auch schon offentlich 
in Konzerten horen lieG. In der Schule war er ein 
mafiiger Kopf, mehr traumerisch und unachtsam. 
Was mir aber bald an ihm auf fiel : er war von der 
absoluten Gewifiheit beherrscht, kiinftig ein be= 
riihmter Mann zu werden — worin beriihmt, das war 
noch sehr unentschieden, aber beriihmt unter alien 
Umstanden. Anfangs ging es eine Zeitlang auf die 
Philosophie los, gerade seine schwachste Seite, und 
mein Schellers Lexikon, das ich von ihm erkauft, 
tragt noch von seiner Hand eine grofie Menge ge= 

!) Zwickau i. Sa. 



lehrter Zitate aus dieser Zeit; bald kam Heraldik 
an die Reihe, gleichf alls mit grofiem Eif er betrieben; 
spater gerieten wir in die deutsche Poesie hinein 
und blieben darin stecken, und zum Versemachen 
und Deutschschreiben hatte er ein ganz entschie= 
denes Talent, wie auch noch aus der Sammlung 
seiner musikalischen Aufsatze deutlich hervor= 
leuchtet. Gelegenheit zur Literaturkenntnis gab es 
fur uns die Hiille und Fiille, das ganze Schumann= 
sche Haus lag voll Klassiker, und wir durften uns 
die beschmutzten Exemplare aneignen (es sind noch 
einige vorhanden). Ein besonderes Gaudium war 
es, als der alte August Schumann, der an seinem 
Jungen einen Narren gefressen hatte, uns auch 
noch erlaubte, Sonntag nachmittags in seiner sonst 
sorgfaltig verschlossenen Privatbibliothek zu ver= 
weilen, in der er alle klassischen Schatze der Welt 
aufgespeichert hatte. Welche delice fur einen jungen 
Magen! Fiir mich ergab es bloG vermehrte Biicher= 
kenntnis, fiir Robert zugleich einen Schatz zu kiinf= 
tigen Werken; die deutsche Lyrik erschlofi sich ihm 
hier vollstandig, und wie hater sie in seinenLiedern 
ausgebeutet! Daneben nun Anfang zu selbstan= 
digen Arbeiten: er machte Liebesgedichte an ex= 
und nicht existierende Holde, fing an, Trauerspiele 
zu schreiben, gefiel sich namentlich im Vorlesen 
von Dichterwerken — er hat mich und Roller fast 
zu Tode gelesen — , alles mit hochstem Eifer. Denn 
das mufi ich ihm zum Ruhme nachsagen: er war 
nicht nur der ehrgeizigste, sondern auch der flei= 
fiigste, unermudlichste Mensch, den ich gekannt. 
AuGer der wenigen Zeit, die er am Abend in einer 
Kneipe zubrachte, sag er den ganzen Tag vom 
f riihem Morgen an iiber dem, was er eben vor hatte, 
und fast mochte ich dem Urteile Rollers iiber ihn 
zustimmen, dafi er's zum grofien Musiker gebracht 
hat vielleicht weniger durch Genie als durch eiserne 
Willenskraft. Doch hieriiber lasse ich die Sachver= 
standigen urteilen. 

Da wir aus der Schule erf uhren, dafi Poesie und 
Wein zusammengehoren, versuchten wir es frei= 
lich auch, und wenn ich oft geiiullert habe, dall 



392 



kt 



„ CHORAL AUS 
ENDENICH" 

Ein Sterbedioral, den 
Schumann in der Heil= 
anstalt in En dent ch bei 
Bonn komponierte. 
Original im Besitz des 
Robert=Schumann= 
Museums in Zwickau. 











jp^ - 



ich im ganzen Leben keinen Champagner getrun= 
ken habe, so mufi ich doch das Jahr 1826 aus= 
nehmen. Damals trieben wir audi diese Kunst, 
nobel zwar, nur iiber die Geldbeutel; ich meiner= 
seits konnte doch vermoge meiner Amtseinnahmen 2 ) 
selbst bezahlen, wenn aber an Schumanns Mama 
eine Rechnung vom Konditor Miersch kam (vor 
dem Papa ward's vertuscht!), dann setzte es heftige 
Gardinenpredigten, die ich geduldig mit anhorte. 
Noch war es damals ganz unentschieden, was der 
Knabe Robert werden sollte; der idealgestimmte 
Vater hatte wohl am Talent seines Sohnes die 
hochste Freude und wendete sich wegen seiner an 
Carl Maria von Weber; da aber beide Manner im 
Sommer 1826 starben, blieb die Sache in der 
Schwebe. Die praktischere Mama kannte zwar 
Ovids beruhmte Warnungstafel nicht: 

„Studium quid inutile tractas? 

Maonides nullas ipse reliquit opes!" 
aber sie wufite um so besser, dafi der Weg der 
Kunst ein gefahrlicher und oft steriler Lebensweg 
sei, und bestand deshalb darauf, er solle Jurispru= 
denz studieren, Klavier aber zu seiner und anderer 
Erquickung nebenbei betreiben, soviel er wolle; ich 
meinerseits divinierte, er werde endlich in der 
Poesie steckenbleiben und ein leidlicher Schrift= 
steller werden; beide haben wir falsch geraten. 

An Ostern 1828 verliefi er die Schule, und als 
Kuriosum und Charakteristikum mud ich erwah= 
nen, dafi er fiir den Schulaktus sein Abgangs= 
gedicht nicht auswendig lernte, sondern total 
steckenblieb, mit hochstem Gleichmut. So feurig 
er am Klavier sali, so leicht und gleichgiiltig nahm 
er's in anderen Dingen. 

2 ) Taschengeld fiir Hilfeleistungen in der Schule 



In Leipzig wohnten wir nun von da an mitein= 
ander im Briihl 3 ), er liefi sich als Jurist inscribieren, 
ich kaufte eine Mappe fiir ihn, und er schrieb sich 
bei Krug und Otto auf die Horerliste; das ist seine 
ganze Teilnahme an der Akademie geworden und 
geblieben. Einen Hdrsaal hat er sonst nie betreten. 

Aber um so eifriger ging er jetzt, wo aller Schul= 
zwang gefallen, freiwaltend an sein kiinftiges 
Lebenswerk. Er nahm Klavierunterricht bei Wieck, 
der ihn immer „enrage" auf dem Klavier nannte, 
und mufite wieder Fingeriibungen wie ein Anf anger 
treiben, zum Verzweifeln einformig anzuhoren. 
Daneben immer das Neueste in der Literatur (Hei= 
nes Reisebilder, Menzels deutsche Geschichte)/ 
besonders viel Lektiire von Jean Paul, dessen Stil 
und Manier er leider zu sehr nachahmte in seinen 
Schreibereien, die er taglich mehrere Stunden fort= 
setzte. Aufierdembegann er eifrig zu komponieren; 
den „Erlkonig" von Schubert spielte er prachtig, 
und da er in meiner Goethe=Ausgabe gleich hinter 
dem „Erlkonig" den „Fischer" fand, so geriet er 
iiber diesen und setzte ihn in Noten — wahrschein= 
lich sein erstes Lied, das ich heute noch pfeifen 
kann. Aufierdem wurden sechs Lieder fertig, die 
er anWiedebein 4 ) zur Begutachtung sandte, darauf 
eine beif allige Antwort bekam mit obligaten Win= 
ken und gutem Rat. Fiir den damals 1828 erst 
bekannt werdenden Schubert fafite er eine rasende 
Vorliebe und schaffte alles an, was von ihm zu 
haben war. Bei den Polonaisen mufite ich den Bafi 
spielen und bekam viel Riiffel wegen meines un= 
zulanglichen Spieles. Als Schubert im nachsten 
Winter starb, geriet er bei der ersten Nachricht 

3 ) Nr. 454, 1. Etage, bezogen am x. Juli 1828 (damals wurden alle 

Hauser der Leipziger Innenstadt durdinumeriert) 
*) Braunschweiger Hofkapellmeister 1779—1854 



NZ 2 



393 



seines Todes in solche Aufregung, daS ich ihn die 
ganze Nacht schluchzen horte. 

Im Wintersemester richtete er dann ein Quartett 
ein, wobei der bemooste Glock, ein wunderlicher 
Genius, welcher 34 Semester studiert hatte, das 
Cello spielte und Taglichsbeck die Violine. Prinz 
Louis'sche Sachen waren bevorzugt, und mehrere 
Quartette komponierte Schumann selbst und 
brachte sie zum Vortrag. Wieck, Professor Carus 
und ein Herr A. Probst bildeten das collegium 
criticum. Beim Komponieren sehe ich ihn noch in 
einer narrischen Haltung sitzen: da er immer Zi= 
garre schmauchte, bifi ihn der Rauch in die Augen, 
weshalb er Mund und Glimmstengel moglichst 
aufwarts prefite und mit dem Auge abwarts 
schielte, wunderliche Grimassen schneidend. Auch 
genierte ihn noch sonst die Zigarre, da er die Melo= 
die zum Liede gern pfiff oder vielmehr durch die 
Lippen sauselte, und Pfeifen mit der Zigarre im 
Mund doch fast unmoglich angeht. Bei Wieck 
trafen wir die damals neunjahrige Clara, welche 
schon sehr hubsch spielte und mit Schumann sich 
kindlich neckte, weshalb ich damals schon stille 
Mutmafiungen iiber ihr kiinftiges gemeinsames 
Lebenslos hegte. In unserem Hause am Briihl 
wohnte zugleich auch Schulze=Delitzsch 5 ) als Stu= 
dent, ein liebenswiirdiger Comilite, guter Fechter, 
lustiger Sanger und iiberaus lebendiger Mensch, 
der schon damals sein spateres grolies volkswirt= 
schaftliches Talent dokumentierte; er lehrte uns 
z. B. wohlfeile Limonade machen aus Lompen= 
zucker ) und Alaun statt Zitrone; er wufite sehr 
gut, Schumann und sein Talent zu taxieren, und 
dieser betrachtete auch Schulzen mit Achtung, doch 
kam es zwischen beiden zu keiner engeren Gemein= 
schaft. Beide spater namhaft in der Welt geworden, 
zeigten sich damals schon als selbstandige Geister, 
die sich nicht leicht unterordnen. 

Die iibrigen Allotria des Studentenlebens beriihr= 
ten Schumann weniger; wir lernten Schach und 
spielten iiberaus eifrig und hitzig, und unsere 
Nebenstube war zuletzt ein formlicher Schachklub. 
Den Fechtboden besuchte er nur wenige Tage; Bur= 
schenschaft und Demagogie traten vergebens an 
ihn heran, auch f iir andere Studentengewohnheiten 
hatte er keinen Sinn. Doch war er einer der wohl= 
bekannteren Musensohne Leipzigs (man wufite 
von seinem Talent), dabei war er ein ansehnlicher, 
hiibschgewachsener Jiingling, trug sich gut in der 
Kleidung, war eine durchaus noble Natur, keusch 
und rein wie eine Vestalin, im Trinken wie die 
Studenten alle und konnte was vertragen und 
liebte eine geistige Anregung am Abend unter 
Freunden. Ob er's spater iibertrieben und dadurch 
seine geistige Krankheit geweckt und beschleunigt 
hat, wie man oft sagen hort, das ist wohl moglich, 
doch weifi ich von der Folgezeit Genaueres nicht 
anzugeben. Ich schliefie vielmehr, dafi das fort= 



3 ) SoziaI= und WirtschaftspoKtiker 1808—1883 
c ) Zuckerhut=StUcke 



wahrende innere Schaffen, welches nie nach aulien 
lebt, sich nie Rast und Erholung gonnte und un= 
ablassige Anspannung der Nerven erforderte, der 
nahere Grund zu dem Ubel war, das ihn friihzeitig 
dahinraffte. 

Bis hierher reicht mein taglicher Verkehr mit 
Schumann; vom Sommer 1829 an trennten wir uns 
und kamen auf dem spateren Lebensweg nur zeit= 
weilig noch zusammen. Er ging nach Heidelberg, 
verweilte eineinhalb Jahr auswarts und besuchte 
mich an Ostern 1831 zuerst wieder in Wiesenburg 7 ) 
auf einige Tage, wo er mir zugleich eroffnete, dafi 
er sich nun definitiv fur die Musik entschieden 
habe. Im Spatherbst 1832 kam er noch einmal auf 
langere Zeit hierher 8 ) zu seiner Mutter, wohnte 
wie sonst im alten Hinterstiibchen in der Burg= 
gasse, spielte mit mir eifrig Schach und kompo= 
nierte darinnen seine erste Symphonie, wozu ich 
fleifiig Stimmen mit ausschrieb, und liefi sie im 
November 1833 im hiesigen Gewandhaus ) auf= 
fiihren. Nach dem Tode seiner Mutter 1836 horten 
seine Zwickauer Besuche allmahlich auf. 
Der Zeitfolge vorgreifend, will ich hier des Zu= 
sammenhanges wegen noch meine memorabilien 
von ihm fortsetzen und vollenden, natiirlich nur 
das andeutend, was ich personlich noch mit ihm 
erlebte. Von 1832 an gab er Kompositionen heraus 
und sandte mir die ersten regelmafiig (sur le nom 
abbegg, papillions etc.), die noch vorhanden sein 
wiirden, wenn Nandchen 10 ) sie nicht an Schnorr 11 ) 
verschenkt hatte. Von 1834 an redigierte er die 
„Neue Zeitschrift f iir Musik" und plagte mich, ihm 
dabei behilflich zu sein, und so habe ich darin Ende 
1835 die erste Biographie von Liszt geliefert nach 
einem franzosischen Original, das er mir dazu 
schickte; so bat er mich auch, ihn aufmerksam zu 
machen, wenn ich etwa bei meiner Privatlektiire 
ein hiibsches Sujet entdeckte, das fur Musik sich 
verwenden lasse. Daraus ist ganz auffallig eines 
seiner wichtigeren Werke entstanden: ich hatte 
namlich Ende der dreifiiger Jahre Englisch getrie= 
ben und dabei Stiicke aus Lala Rookh (Lalla Rukh) 
iibersetzt zu meinem Vergmigen, ohne alle weitere 
Absicht. Als ich 184X bei meiner Sommerferien= 
reise Schumann in Leipzig besuchen wollte, fiel mir 
plotzlich ein, dafi das hiibsche Gedichtchen „Para= 
dies und Peri" vielleicht ein Sujet sei, welches ihm 
irgendwie fur Kompositionen dienen konnte. Ich 
steckte es zu mir, um ihm wenigstens einen Beweis 
zu geben, dafi ich seiner obigen Bitte nicht unein= 
gedenk geblieben sei. Allein das Ding machte auf 
ihn sogleich einen gewaltigeren Eindruck, als ich 
erwartet hatte: er entwarf noch am selben Tag 
einen Plan zum Ganzen, wie er in der Hauptsache 
geblieben und noch in meinem Pulte vorliegt. Er 
hat spater am Text geandert, gekiirzt, auch noch 

7 ) im Erzgebirge 

8 ) Zwickau 

fl ) Das Zwickauer Gewandhaus war, wie in Leipzig, fruher Kon= 

zertsaal. 
10 ) ferdinande, seine Tochter 
n) Schnorr v. Carolsfeld 



394 




EMIL FLECHSIG 
der Verfnsser der hier mitgeteilten Erinnerungen. 

einige sehr hiibsche Stiicke selbstandig zugesetzt, 
im ganzen aber mein Machwerk beibehaltend. 
Hieran mufi ich zwei Anekdoten ankniipfen, die 
in das dunkle Gebiet des Seelenlebens spielen und 
die mich bei allem Unglauben doch f rappiert haben. 
Als ich mit meiner Peri in der Tasche bei ihm ein= 
trat, fand ich ihn in der glucklichsten Laune; er war 
eben erst verheiratet, fast noch in den Flitter= 
vvochen; er rief entziickt aus: „Jetzt bin ich so 
schaffenslustig, ich mochte was ganz Besonderes 
machen, ich mochte so gern in den Orient, in die 
Rosengarten von Persien, in die Palmenhaine In= 
diens, oh, mir ist, als mochte mir jemand den Stoff 
bringen, der mich dahin fuhrte." Ich stand wie 
verbltifft vor ihm, konnte gar nicht begreifen, wie 
er gar so deutlich beschreiben konnte, was ich in 
meiner Tasche trug und eben ihm bringen wollte, 
kurz, die ganze Szene ist mir noch heute ein psy= 
chologisches Mirakel, der Ausbruch eines Ahnungs= 
vermogens, das auch unsichtbare Dinge wittert, 
wenn sie in der Nahe sind. 

Das zweite Anekdoton spielt in der Studentenzeit : 
er hatte eine brillante Tasse von seiner Schwagerin 
Therese erhalten, aus der er taglich trank. Eines 
Morgens erzahlte er mir, er habe getraumt, ich 
zerbrache die Tasse, und mahnte mich zurVorsicht; 
der Traum wiederholte sich, ich nahm mich in 
acht, die Tasse nicht zu beriihren, und zerbrach sie 
doch auf eine fast unglaubliche Weise: ich griff 
namlich hastig nach einem Gegenstand, erfafite ihn 
aber nicht fest, sondern schleuderte ihn durch den 
heftigen Stofi meiner Hand durch die off enstehende 
Tiir hinaus; er flog in die Kiiche, dort fiel er gerade 



mitten in den Tassenkorb hinein, alles andere war 
unversehrt, nur die besagte Tasse war entzwei. 
Ich habe auf Traume und Ahnungen nie etwas 
gehalten, mufi aber gestehen, dafi die beiden Falle 
mich nachdenklich gemacht und in mir den Glau= 
ben geweckt haben an Vorempfindungen der Seele 
— namentlich bei phantasiereichen Menschen, 
welche die Spharen singen horen, wie die grofien 
Musiker — warum konnten sie nicht auch dunkle 
Vorgefiihle im Reiche irdischer Dinge haben? 
In den i84oer Jahren sahenwir uns immer seltener, 
etwa jahrlich einmal; 1847 war er hier 12 ), fuhrte 
die Peri selbst auf in einem Wohltatigkeitskonzert 
und wurde in seiner Vaterstadt schon ansehnlich 
honoriert. 1848 habe ich ihn zum letzten Male auf= 
gesucht und gesehen in Dresden, in der Reitbahn= 
gasse. Er arbeitete eben an „Genoveva" / hatte in 
seinem Zimmer eine Menge Bilder und Kupfer= 
stiche mit Wald, Hirschen und Jagden um sich her 
liegen und sagte, das versetze ihn in die richtige 
Stimmung zu diesem Werk. Wir gingen dann von 
seiner Wohnung auf die Terrasse 13 ) bis an Rietschels 
damaliges Atelier und nahmen Abschied — nicht 
ahnend fur diese Erdenwelt. Rietschel fertigte da= 
mals die Marmordoppelbuste, welche in Gips in 
meiner Stube hangt und einfach in Bronze an 
seinem Geburtshause angebracht ist; letzteres 
wurde ausgefiihrt i860 zu seinem 50. Geburtstage, 
wo seinem Andenken zu Ehren ein dreitagiges 
Musikfest hier veranstaltet wurde, dem auch Franz 
Liszt beiwohnte. Dafi ein so grofier Meister wie 
Rietschel ihn modellierte, nahm er als selbst= 
verstandlich an und ihm zukommend; wie er als 
Knabe zuerst vor mir steht, mit seiner fixen Idee, 
„einst ein Ungewohnlicher in der Welt zu werden", 
so steht er mir auch beim letzten Abschied da, be= 
schaftigt mit seinem Nachruhm, eintretend in die 
Werkstatt, wo Erz und Marmor bedeutende Men= 
schen fur die Nachwelt aufbewahrt. Obrigens aber 
ist fur mich die Wiener Lithographie, die er mir 
1839 geschenkt hatte 14 ), weit wertvoller als der 
Gipsgufi, da sie mir am besten seine irdische 
Erscheinung zuriickruft. 

Von seinem bald darauf genommenen Aufenthalt 
in Diisseldorf, seinem kurzen Gliick und Wirken 
daselbst, seinem schnellen Dahinsinken hat mir 
Wasielewski, sein Biograph, erzahlt, welcher 1856 
Notizen zu seinem Lebenslauf sammelte und auch 
mich in dieser Absicht besuchte, kurz nach seinem 
erlosenden Tode. Wen sollte nicht der schnelle, 
diistere Untergang dieses Gestirnes, sein freiwilli= 
ges Hinabtauchen in die Fluten des Rheines und die 
darauf folgende Geistesnacht in Endenich mit Trauer 
erfiillen? 

Was ihn dazu gefiihrt? Ich erinnere mich, wie ihn 
schon in friiher Jugend eine wahnsinnige Vorliebe 



12 ) in Zwickau 

13 ) Briihlsche Terrasse 

u ) von Kriehuber; befindet sich — mit Schumanns Widmung 
„seinem liebsten Freunde Emil Flechsig" — noch im Familien= 
besitz. 

15 ) 1779—1805 



3.95 



f iir geniale Menschen erfiillte, die in ihrem Schaff en 
sich selbst zerstoren. Lord Byron war friihe schon 
mit seinen Extravaganzen ihm ein hohes Ideal, und 
namentlich dessen vvildes, sich selbst zerwiihlendes 
Leben erschien im als etwas unendlicb GroEes. 
Sonnenberg 15 ) (des Donatoadichters) phantasti= 
sches Leben und Selbsttotung in Jena imponierte 
ihm gewaltig, von Hblderlins 4ojahrigem gei= 
stigem Nachtleben wuBte er schon in den lSzoet 
Jahren und sprach davon mit scheuer Ehrfurcht. 
Beethovens struppiges Haar iiber dem verdiister= 
ten Antlitz war ihm das echte Kiinstlergesicht, das 
er fast nachzuahmen liebte. Was ihm selbst zuletzt 
durch die Seele gegangen, ob kdrperliche Leiden 
allein sein Wesen zerstort, ob verfehlte Plane dazu 



mitgeholf en, ob Gedanken an ein auf fallendes Ende 
in seinen irren Geist gedrungen und zu verworre= 
nem Entschlusse ihn hingerissen haben: wer mag's . 
zu sagen! Ich habe oft im stillen mich seiner friiheren 
Seelenstimmungen erinnert und mancherlei Gedan= 
ken gehegt, die ich verschlieGe. Friede seiner Asche! 
Friede iiber der Asche aller edlen Menschen, die im 
Leben iiber das Gemeine hinausstreben, und er 
gehorte zu diesen! Es ist eine traurige Betrachtung, 
dafi das Erdenwallen der Dichter und Kiinstler, 
dafi das Los derer, die in hohere Regionen steigen, 
die uns selbst dahin emporheben und iiberirdische 
Freuden bereiten (joy not of this world), fast 
immer ein schweres ist. Doch 

„Wo Du das Genie erblickst, 
erblickst Du auch die Dornenkrone". 



396